Veranstaltungen 2026
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Vortrag
Otto der Große, Heinrich der Zweite und die vielen Namenlosen: Wie neue archäogenetische Methoden unser Wissen über das Mittelalter erweitern
Jörg Feuchter
29. Juni 2026 • 18 Uhr • Einstein-Saal
Im Jahr 2025 wurden Gebeine aus dem Magdeburger und dem Bamberger Dom untersucht, die den beiden hochmittelalterlichen Kaisern Otto I. (912–973) und Heinrich II. (973–1024) zugeordnet werden.
Im März 2026 wurden die Resultate der Öffentlichkeit präsentiert. Eine archäogenetische Verwandtschaftsanalyse bestätigte wechselseitig, dass die Knochen tatsächlich von den historischen Herrschern stammen, die bis heute im geschichtlichen und kirchlichen Bewusstsein überaus präsent sind. Die dabei angewendete neue Methode weist aber über den bloßen Authentizitätsnachweis der Überreste mächtiger Männer hinaus. Durch die seit kurzem gegebene Möglichkeit, Verwandtschaft bis in weit entfernte Grade präzise zu bestimmen, kann auch neues Wissen über viele namenlose Menschen des Mittelalters zutage gefördert werden. Der Vortrag von Jörg Feuchter (Mittelalterhistoriker an der BBAW) und ein Video-Interview mit Harald Ringbauer (Archäogenetiker am MPI für Evolutionäre Anthropologie, Leipzig) stellen die Untersuchung von Otto I. und Heinrich II. und weitere Fallbeispiele vor. Dorothea Weltecke ist die Inhaberin des Lehrstuhls für Europäische Geschichte des Spätmittelalters an der Humboldt-Universität zu Berlin und moderiert den Abend.
Eine Veranstaltung des Mittelalterzentrums der BBAW in Kooperation mit der Humboldt-Universität zu Berlin.
Jahresvortrag
Kolonialismus vor dem Kolonialzeitalter oder feudalistische Verhältnisse? Wie die Landbevölkerung von Kreta im späten Mittelalter Venedig mit Getreide versorgte
Juliane Schiel (Universität Wien)
17. Februar 2026 • 18:00 Uhr • Leibnizsaal
Wir schauen auf Kreta im Mittelalter: Die Insel, seit langem unter Herrschaft des Kaisers von Byzanz, gerät im Vierten Kreuzzug von 1203/4 in die Hand des Dogen von Venedig. Das bedeutet, dass die überwiegend griechisch-stämmige Bevölkerung jetzt Lebensmittel für die schnell wachsende venezianische Stadtbevölkerung produzieren muss, denn die Stadt in den Lagunen verfügt selbst über kein Hinterland. Die venezianische Kolonialregierung hat aber durchaus Konkurrenten: Die auf die Insel im Östlichen Mittelmeer ausgewanderten venezianischen Siedler, die griechischen Großgrundbesitzer, lateinische und byzantinische Klöster. Sie alle greifen nach den fruchtbarsten Böden und den besten Landarbeiter*innen und holen durch den Import von Sklavinnen und Sklaven überwiegend vom griechischen Festland zusätzliche Arbeitskräfte auf die Insel. Dem begegnet die venezianische Herrschaft mit Vorschriften über Abgaben, mit Zöllen und Handelsverboten. Durch eine Analyse der so entstandenen komplexen sozioökonomischen Beziehungen leitet Juliane Schiel (Universität Wien) ein neues Verständnis für agrarische Abhängigkeitsverhältnisse vor und am Beginn des kapitalistischen Kolonialzeitalters ab. Die Referentin blickt hinter die gebräuchlichen ‚Containerbegriffe‘, mit denen wir üblicherweise Epochen und Gruppen klassifizieren und bringt die dichten Datenreihen der mittelalterlichen Überlieferung in mikrohistorischer Betrachtung zum Sprechen.